Nephrologie · Leitlinienübersicht
Chronische Nierenerkrankung (CKD): Stadien, eGFR, Albuminurie & KDIGO
Evidenzbasierte Übersicht für Ärzte und Medizinstudierende: CKD-EPI-eGFR-Berechnung, Albuminurie-Klassifikation nach KDIGO, Risikostratifizierung und aktuelle Therapieempfehlungen – kompakt und leitlinienorientiert.
Definition der chronischen Nierenerkrankung
Die chronische Nierenerkrankung (CKD) ist definiert als strukturelle oder funktionelle Abnormalität der Nieren, die über einen Zeitraum von ≥ 3 Monaten besteht und klinische Relevanz besitzt. Die Diagnose stützt sich auf zwei zentrale Kriterien gemäß den KDIGO-Leitlinien (Kidney Disease: Improving Global Outcomes):
- Verminderte Nierenfunktion: Eine geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) < 60 ml/min/1,73 m² über ≥ 3 Monate, unabhängig von der Ursache.
- Nierenschädigung: Nachweis struktureller Veränderungen (Albuminurie, Sedimentanomalien, bildgebende Befunde, histologische Veränderungen oder Elektrolytstörungen durch tubuläre Dysfunktion), auch bei normaler eGFR.
Die CKD betrifft weltweit etwa 10–15 % der Erwachsenen und ist ein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Die frühzeitige Erkennung und Stadieneinteilung ermöglicht eine gezielte Therapie und verlangsamt die Progression zur terminalen Niereninsuffizienz.
eGFR – Bewertung der Nierenfunktion
Die eGFR (estimated Glomerular Filtration Rate) ist der wichtigste Parameter zur Beurteilung der Nierenfunktion. Die aktuell empfohlene Berechnungsformel ist die CKD-EPI-Gleichung (2009/2021), die Serum-Kreatinin, Alter und Geschlecht berücksichtigt. Im Vergleich zur älteren MDRD-Formel zeigt die CKD-EPI eine höhere Genauigkeit, insbesondere bei eGFR-Werten > 60 ml/min/1,73 m².
Die eGFR sollte mindestens zweimal innerhalb von 3 Monaten bestimmt werden, um eine CKD zu bestätigen. Ein rascher Abfall (> 5 ml/min/Jahr) ist prognostisch ungünstig und erfordert eine nephrologische Abklärung. Die Bestimmung von Cystatin C als ergänzender Marker kann in Zweifelsfällen die Genauigkeit verbessern.
eGFR-Rechner (CKD-EPI)
Berechnen Sie die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate nach der CKD-EPI-Formel mit Kreatinin, Alter und Geschlecht.
Albuminurie & UACR
Der Albumin-Kreatinin-Quotient (UACR) im Spontanurin ist der empfohlene Test zur Quantifizierung der Albuminurie. Er ersetzt die fehleranfällige 24-Stunden-Urinsammlung und ermöglicht eine einfache, reproduzierbare Risikostratifizierung.
Die KDIGO-Klassifikation unterscheidet drei Stadien:
| Stadium | UACR (mg/g) | UACR (mg/mmol) | Bezeichnung |
|---|---|---|---|
| A1 | < 30 | < 3 | Normal bis leicht erhöht |
| A2 | 30–300 | 3–30 | Mäßig erhöht (Mikroalbuminurie) |
| A3 | > 300 | > 30 | Schwer erhöht (Makroalbuminurie) |
Die Albuminurie ist ein unabhängiger Prädiktor für CKD-Progression und kardiovaskuläre Ereignisse. Bereits ab Stadium A2 ist eine intensivierte Therapie mit RAAS-Blockade indiziert. Zwei positive Tests innerhalb von 3 Monaten bestätigen die Diagnose.
UACR-Rechner
Berechnen Sie den Albumin-Kreatinin-Quotienten zur Klassifikation der Albuminurie nach KDIGO.
KDIGO-Stadien der CKD
G-Stadien nach eGFR
| Stadium | eGFR (ml/min/1,73 m²) | Beschreibung |
|---|---|---|
| G1 | ≥ 90 | Normal oder hoch |
| G2 | 60–89 | Leicht vermindert |
| G3a | 45–59 | Leicht bis mäßig vermindert |
| G3b | 30–44 | Mäßig bis schwer vermindert |
| G4 | 15–29 | Schwer vermindert |
| G5 | < 15 | Nierenversagen |
A-Stadien nach Albuminurie (UACR)
| Stadium | UACR (mg/g) | Beschreibung |
|---|---|---|
| A1 | < 30 | Normal bis leicht erhöht |
| A2 | 30–300 | Mäßig erhöht |
| A3 | > 300 | Schwer erhöht |
KDIGO-Risikomatrix (Prognose)
Die Kombination aus G- und A-Stadium bestimmt das Gesamtrisiko für CKD-Progression und kardiovaskuläre Komplikationen.
| A1 < 30 mg/g | A2 30–300 mg/g | A3 > 300 mg/g | |
|---|---|---|---|
| G1 (≥ 90) | Niedrig | Moderat | Hoch |
| G2 (60–89) | Niedrig | Moderat | Hoch |
| G3a (45–59) | Moderat | Hoch | Sehr hoch |
| G3b (30–44) | Hoch | Sehr hoch | Sehr hoch |
| G4 (15–29) | Sehr hoch | Sehr hoch | Sehr hoch |
| G5 (< 15) | Sehr hoch | Sehr hoch | Sehr hoch |
Prognose & Risikoabschätzung
Die Prognose der CKD wird maßgeblich durch die Kombination aus G- und A-Stadium bestimmt. Patienten mit gleichzeitig niedriger eGFR und hoher Albuminurie haben das höchste Risiko für eine Progression zum terminalen Nierenversagen und für kardiovaskuläre Komplikationen.
Kardiovaskuläres Risiko: CKD-Patienten haben ein 2- bis 10-fach erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Ab G3a steigt das Risiko deutlich an. Die Mehrzahl der CKD-Patienten verstirbt an kardiovaskulären Ursachen, bevor ein Dialysestadium erreicht wird.
Dialyserisiko: Der eGFR-Verlauf über die Zeit ist prognostisch aussagekräftiger als ein Einzelwert. Die KFRE (Kidney Failure Risk Equation) ermöglicht eine individuelle 2- und 5-Jahres-Prognose für das Erreichen einer Dialysepflicht und wird in zukünftigen Updates als Rechner auf medrechner.com verfügbar sein.
Therapieüberblick (leitlinienorientiert)
Die Therapie der CKD zielt auf Verlangsamung der Progression, Reduktion kardiovaskulärer Risiken und Symptomkontrolle. Folgende Maßnahmen sind leitliniengestützt (KDIGO 2024):
Blutdruckzielwerte
Systolisch < 120 mmHg bei Albuminurie (SPRINT-Daten). Standard-Ziel: < 130/80 mmHg. Individuelle Anpassung bei Alter > 80 Jahre.
RAAS-Blockade (ACE-Hemmer / ARB)
Erstlinientherapie bei Albuminurie ≥ A2. Reduktion der Proteinurie und Progressionsverlangsamung. Kalium- und Kreatinin-Kontrolle nach Initiierung.
SGLT2-Inhibitoren
Empagliflozin, Dapagliflozin: Zusätzlich zu RAAS-Blockade bei eGFR ≥ 20. Reduktion von CKD-Progression und kardiovaskulären Ereignissen (DAPA-CKD, EMPA-KIDNEY).
Statintherapie
Bei CKD G3–G5 ohne Dialyse empfohlen (KDIGO Lipid Guidelines). Keine Initiierung bei Dialysepatienten. Atorvastatin oder Rosuvastatin bevorzugt.
Nephrologische Mitbetreuung
Ab G4, bei raschem eGFR-Abfall, A3, therapierefraktärer Hypertonie, Elektrolytstörungen oder unklarer Ätiologie. Frühe Anbindung verbessert Outcomes.
Dialyseplanung
Ab eGFR < 20: Aufklärung über Nierenersatztherapie (Hämodialyse, Peritonealdialyse, Transplantation). Shunt-Anlage ab eGFR ~15. Konservative Therapie als Option.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
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Quellenhinweis
Die Inhalte dieser Seite basieren auf den aktuellen KDIGO Clinical Practice Guidelines (2024), den AWMF-Leitlinien zur CKD sowie Referenzliteratur aus NEJM, Lancet und Kidney International. Alle Angaben dienen der fachlichen Information und ersetzen nicht die individuelle ärztliche Beurteilung.
Letzte Überprüfung: Dezember 2025